Vergangene Woche habe ich ein neues Wort gelernt: „Ableismus“. Es setzt sich zusammen aus dem englischen „to be able“ und „-ismus“, ein Kunstwort würde ich sagen.
Was ist damit gemeint und warum beschäftigt mich dieses Wort?
Mit diesem Wort wird eine Geisteshaltung bezeichnet, die davon ausgeht, dass der Mensch das ist, was er kann. Es kommt also auf unsere jeweiligen Fähigkeiten an, auf das, was wir können. Mir scheint, dass diese Haltung sich zur Zeit wieder einmal sehr verbreitet. Vor allem natürlich in der großen internationalen Politik. Länder sind, was sie können. Ihre Bedeutung hängt von dem ab, was sie wirtschaftlich oder militärisch können. Wer viel kann, ist stark, wer wenig kann, ist schwach. Und dieses Muster kennen wir auch aus vielen weiteren Lebensbereichen.
Im Neuen Testament jedoch gibt es einen Bibelvers, der mich sehr berührt: „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“ (2. Kor 12,9). Dieser Satz passt so gar nicht zu dem gerade beschriebenen Muster, wonach der große Könner der Starke ist. Denn – so dieser Bibelvers – auch wer sich schwach fühlt, kann ermächtigt werden, weil ein über allen Mächten Wirkender es so will, ein „Allmächtiger“.
Christenmenschen erkennen hierin Christus, der uns alle, unabhängig von dem, was wir in den Augen anderer oder auch unserer eigenen Ansicht nach können, schätzt und stärkt.
Mit „Ableismus“ ist im engeren Sinn übrigens jene Geisteshaltung gemeint, die „Menschen mit Behinderung“ abwertet bzw. diskriminiert. Denn wenn Menschen nur oder überwiegend danach bewertet werden, was sie können bzw. welche Fähigkeiten sie haben, dann geraten wir alle auf eine schiefe Bahn. Wer weiß schon, was er oder sie morgen noch kann oder wieder kann? Problematisch sind nicht unsere unterschiedlichen Fähigkeiten, sondern unsere Reaktionen darauf. Wir sind immer so viel mehr, als wir können, einfach deshalb, weil wir Menschen sind.
Wir sind Ebenbilder Gottes, erinnert uns die jüdisch-christliche Tradition. Wir sind in den Augen des Allmächtigen, ganz unabhängig von all dem, was wir können oder nicht, seine geliebten und geschätzten Gegenüber. Wie schön wäre eine Welt, in der wir dies auch im Blick auf unsere Beziehungen untereinander sagen könnten: Wir alle sind wertvoll, ob wir nun viel oder wenig können.
Noch sind wir immer wieder mal sehr weit von dieser Welt entfernt, aber passen wir auf, dass wir diese Hoffnung auf eine solche Welt nicht verlieren. Mir wäre es so recht, wenn ich das neue Wort „Ableismus“ wieder verlernen könnte, einfach deshalb, weil es dafür keinen Anlass mehr gäbe.